SPANISCHSPRACHIG
Nicolás Casariego
Antón Mallick quiere ser feliz (Anton Mallick möchte glücklich sein)
Roman, 345 Seiten, Destino 2010
Eine intelligente Komödie über einen schlecht gelaunten Glückssucher
Mit 32 Jahren ist Anton völlig am Ende: Eine ihm unbekannte Frau behauptet, ein Kind von ihm zu erwarten; er muss erwachsen werden, ist aber eigentlich ein notorischer Schwarzseher, ein vergrübelter Einzelgänger und unausstehlicher Hypochonder. Mit seinem pathologischen Pessimismus regt er alle auf. Aber wie geht das: glücklich sein?
Eine Therapie kommt nicht in Frage, er hat keine Lust, vor einem ernst dreinblickenden Therapeuten Seelenstriptease zu betreiben. Er versucht es selbst und liest alle Glücksratgeber und Glücks-Philosophen, die er in die Hände bekommt. Ob’s hilft?
Verschroben wie Woody Allen, komisch wie Tommy Jaud.
Nicolás Casariego, geboren 1970, hat bereits einige Romane und Erzählungsbände veröffentlicht und war 2006 für den Nadal-Preis nominiert.
Marcos Giralt Torrente
Tiempo de vida (Lebenszeit)
Roman, 208 Seiten, Anagrama 2010
Eine anrührende Vater-Sohn-Geschichte in der Tradition von Paul Austers Die Erfindung der Einsamkeit
Ein Sohn, der sich um den gebrechlichen Vater kümmert, ihn zärtlich belügt, wenn es nötig ist, ihn ins Krankenhaus begleitet, ihn beim Sterben begleitet. Der Ich-Erzähler dieser bewegenden Geschichte hat die kraftstrotzende Vitalität des Vaters lange nicht ertragen, ja unter ihr gelitten. Nun begegnet er einem vom Tode gezeichneten, schwachen, hilfsbedürftigen Mann.
Die Krankheit versöhnt Vater und Sohn. Sie sprechen über die Dinge, die das Leben ihnen geschenkt und versagt hat, darüber, was sein wird, wenn der Tod ins Leben tritt. Es wird die intensivste Zeit für diese beiden Menschen, die sich wie zum ersten Mal begegnen.
Marcos Giralt Torrente ist einer der bekanntesten spanischen Autoren seiner Generation. Sein Werk ist in mehrere Sprachen übersetzt, 1999 erhielt er für seinen Debütroman den Premio Herralde, 2002 war er ein Jahr lang Gast des DAAD in Berlin.
„Giralt Torrente ist einer der elegantesten Schriftsteller, die wir haben“ – El País
Mario Cuenca Sandoval
El ladrón de morfina (Der Morphium-Dieb)
Roman, 246 Seiten, 451 Editores 2010
Ein Blick in die Abgründe des Krieges
Bentley bereut es, Farm und Kartoffelacker in Vermont zurückgelassen zu haben, um im Krieg von Korea mitzumischen. Das fremde Land erscheint ihm als fernöstliche Hölle und nicht der Krieg macht ihm vor allem zu schaffen, sondern die Langeweile und die kleinen alltäglichen Unbequemlichkeiten desselben. Abwechslung liefern ihm lediglich die Literatur und das Morphium. Doch dann lernt er Wilson Reyes kennen. Ist dieser bloß ein rothaariger Idiot, wie die anderen ihn sehen oder steckt mehr hinter dem Sonderling? Für Bentley wird Wilson sein persönlicher Engel, der eine besondere Botschaft für ihn bereithält. Doch so plötzlich wie dieser Engel in Bentleys Leben auftauchte, so plötzlich verschwindet er auch wieder. Auf der Suche nach seinem verlorenen Freund lernt Bentley den Offizier Caplan kennen, der mit seiner Schreibmaschine mittels von Zeichen und Buchstaben Panzer "zeichnet".
Nach und nach vermischen sich die Geschichten der drei Soldaten und vereinen sich zu einer. Bentley und Wilson entpuppen sich letztendlich als Roman-Figuren, die der Schriftsteller Caplan erfunden hat, um den Krieg zu überstehen.
Mario Cuenca Sandoval, geboren 1975, ist einer der wichtigsten Schriftsteller und Lyriker der neuen Generation Spaniens.
Javier Calvo
Corona de Flores (Blumenkrone)
Roman, 307 Seiten, Random House Mondatori 2010
Ruiz Zafón meets Conan Doyle: ein opulentes, packendes Barcelona-Epos
Barcelona im Jahr 1877. Nach Jahren politischer Unruhen hat sich die Stadt beruhigt und berauscht sich am ökonomischen Aufstieg und am Glanz seiner modernistischen Architektur. Mitten in diesem rauschhaften Aufstieg reißt plötzlich eine Serie von grotesk brutalen Morden die Stadt aus ihren goldenen Träumen. Die Polizei weiß sich nicht zu helfen, die Stadt versinkt in Angststarre. Der ehemalige Geheimdienstagent Semproni di Paula, der inzwischen zum Regionalpräsident aufgestiegen ist, kennt nur einen, dem es gelingen könnte, dem Mörder auf die Spur zu kommen: Menelaus Roca, ein klaustrophobischer, krankhaft menschenscheuer Pathologe, der als Wissenschaftler einst dunklen, esoterischen Lehren anhing und nun wegen eines Verbrechens im Gefängnis sitzt. Eine atemberaubende Jagd auf den Mörder beginnt und am Leser zieht eine Kohorte seltsamer und unheimlicher Figuren vorbei: der Transvestit Max, abergläubischer König der Unterwelt, immer in Begleitung seines Äffchens; Dado Blokium, ein geheimnisvoller Gelehrter und Kenner von Geheimlehren; Aniol Almarrosa, Autor von Heftchenromanen, in denen die Verbrechen des Serienmörders gleichsam vorausgesagt sind und schließlich Liberata, die stumme Helferin von Roca, die den Schlüssel des großen Rätsels zu kennen scheint…
Corona de Flores ist eine episch breit erzählte Gothic novel, die den Mythos der Moderne als Kampf geheimer Mächte vor dem Hintergrund eines Wissenschaftspanoramas des 19. Jahrhunderts neu erzählt. Alle, die Der Schatten des Windes gelesen haben, werden dieses Buch verschlingen.
Javier Calvo, geboren 1973, ist eine der ganz großen literarischen Stimmen des neuen Spanien. Seine Romane sind in verschiedenen Sprachen übersetzt worden, u.a. ins Englische, Italienische und Portugiesische.
FRANZÖSISCHSPRACHIG
Pan Bouyoucas
Portrait d'un mari avec les cendres de sa femme (Portrait eines Gatten mit der Asche seiner Frau)
Roman, 136 Seiten, Les Allusifs 2010
Eine skurille Komödie über das Leben und den Tod
Nachdem Alma Joncas, eine berühmte Schauspielerin, mitten im Orgasmus stirbt, hat ihr Mann nur ein einziges Ziel: Er möchte die Asche seiner Frau an dem Ort begraben, wo sie am glücklichsten war – so lautete ihr letzter Wille.
Doch die Erfüllung dieses Versprechens wird sein gesamtes Leben auf die Probe stellen. Die Suche nach dem idealen Ort führt ihn um die halbe Welt. Nach und nach beginnt das perfekte Bild seines vergangenen Eheglücks durch die hinterhältigen und egoistischen Äußerungen der Familie und Freunde zu bröckeln. Alexandre ist ratlos. Was soll er tun und wem kann er noch vertrauen? Wer war seine Frau wirklich und hat er all die Jahre in einer Lüge gelebt? Gequält von diesen Gedanken bemerkt er nicht, dass er seine Tochter Mélissa in ihrer Trauer vernachlässigt und sie zu verlieren droht. Doch dann kommt ihm seine verstorbene Frau zu Hilfe...
Pan Bouyoucas, Sohn griechischer Eltern, wurde 1946 im Libanon geboren und emigrierte im Alter von 16 Jahren nach Québec. Er arbeitet dort als Übersetzer, Theaterdramaturg und Filmkritiker.
Émilie de Turckheim
Le joli mois de mai (Der schöne Monat Mai)
Roman, 128 Seiten, Héloïse d'Ormesson 2010
Landleben mal anders – ein Huis Clos à la Chabrol
Im schönen Monat Mai ruht Monsieur Louis unter einen Baum – er hat sich kurz zuvor eine Gewehrkugel in den Kopf gejagt. Aimé, sein junger Gehilfe, erfüllt seinen letzten Willen und lädt die fünf Erben auf das Anwesen: ein Kommissar im Ruhestand, ein habgieriges Ehepaar, ein Soldat und ein Bordellbesitzer; nun sollen sie das Haus, den Wald voller Wildschweine, die Schweinezucht und sogar Aimé erben. Doch was haben diese Menschen gemeinsam, die ab und an in den Wäldern von Monsieur Louis zur Jagd gingen?
Ohne einen einzigen Gedanken an den Verstorbenen zu verschwenden wird die Ankunft des Notars ungeduldig erwartet. Dieser wird jedoch nicht auftauchen... Nachdem Madame Truchon einen Herzinfarkt erleidet, verschwindet auch Monsieur Truchon plötzlich von der Bildfläche. Hat Aimé etwas mit diesen Vorfällen zu tun? Und welche Rolle spielt Lucette, Aimés verstorbene Mutter, bei der ganzen Sache? Was zunächst wie eine Laune des Zufalls erschien, entpuppt sich schon bald als abgekartetes Spiel.
Émilie de Turckheim, 1980 geboren, lebt und schreibt in Paris und wurde für ihren Roman Chute libre mit dem Prix de la Vocation ausgezeichnet. Le joli mois de mai ist ihr vierter Roman.
Damien Luce
Le Chambrioleur
Roman, 208 Seiten, Héloïse d'Ormesson 2010
Die märchenhafte Geschichte eines einsamen Mädchens in Paris
Jeanne ist ein trauriges Mädchen; ihre Eltern lieben sie, doch fühlt sie sich oft von ihnen allein gelassen. Eines Nachts, als die Chemins in der Oper sind und Jeanne den Abend allein zuhause verbringt, überrascht das Mädchen einen Einbrecher. Dieser ist alles andere als furchteinflößend und so beginnt er sie fast jede Nacht zu besuchen und nistet sich schließlich in ihrem Zimmer ein – ohne dass die Eltern davon wissen. Doch wer ist der sonderbare Paulin? Ist er wirklich ein Einbrecher? Oder ist der Besucher nur Jeannes lebhafter Fantasie entsprungen?
Nach einem Streit der Eltern entschließt sich Jeanne, Paulin raus auf die Straßen von Paris zu folgen. Sie streift mit ihm durch die Quartiers, schläft unter freiem Himmel und genießt ihre neue Freiheit im Beisein des Freundes, bis Paulin eines Tages plötzlich verschwindet. Jeanne fühlt sich so einsam wie nie zuvor, doch traut sie sich nicht, zurück zu ihren Eltern zu gehen. Schließlich finden sie Jeanne verwahrlost am Ufer der Seine und versprechen ihr, sie von nun an nie mehr zu vernachlässigen.
Damien Luce erzählt in seinem Debütroman eine märchenhafte Geschichte für Erwachsene, die in ihrem Innersten Kind geblieben sind und für Kinder, die bereits verstanden haben, dass es Erwachsene gar nicht gibt.
Damien Luce wurde 1978 in Paris geboren und ist in Frankreich als Pianist, Komponist und Schauspieler bekannt. Le Chambrioleur ist sein erster Roman.
ITALIENISCHSPRACHIG
Lorenzo Pavolini
Accanto alla tigre (Neben dem Tiger)
Roman, 248 Seiten, Fandango Libri 2010
Eine erstaunliche Familiengeschichte aus Italien, nominiert für den Premio Strega
In einem nüchternen, fast dokumentarischen Stil berichtet der Ich-Erzähler von der schaurigen Entdeckung, die er in einem Schulbuch macht: Sein Großvater Alessandro, von dem er immer geglaubt hatte, er sei im Krieg heldenhaft mit dem Flugzeug abgestürzt – so wie sein Idol Antoine de Saint-Exupéry –, dieser Großvater war einer der führenden Faschisten Italiens und wurde 1945 neben Mussolini und dessen engsten Gefährten auf der Piazza Loreto in Mailand an den Beinen aufgehängt. Der Junge empfindet Scham und Wut, vor allem aber will er wissen, was dieser Großvater für ein Mensch war und reist an die Orte des italienischen Faschismus. Ein verstörend menschliches Bild des Großvaters setzt sich zusammen: seine Zweifel, sein fehlgeleiteter Enthusiasmus, seine Ängste im Angesicht der Katastrophe.
Lorenzo Pavolini wirft in diesem autobiografischen Roman einen schonungslosen Blick in die Verliese der Familiengeschichte, die auch die Geschichte Italiens ist und entdeckt verstörend Menschliches inmitten des Grauens. Pavolini, geboren 1964, ist Herausgeber der Zeitschrift Nuovi Argomenti. Sein erster Roman wurde mit dem Premio Grinzane Cavour ausgezeichnet.
Stefano Jorio
Radiazione (Strahlung)
Roman, 540 Seiten, Minimum Fax
Ein scharfzüngiges Porträt von Berlusconistan und eine Reise in die römische Unterwelt
Der Ich-Erzähler dieses brillanten literarischen Debüts beginnt an einem erschütternd heißen Augusttag seinen Dienst im italienischen Außenministerium. Er ist dort für die Verwaltung der regierungseigenen Kunstsammlung verantwortlich. Eigentlich will er nur seinen Job erledigen, sein Privatleben ist turbulent genug: Sein Freund, ein homosexueller deutscher Priester, führt ihn in die dunkelsten und abgründigsten Winkel Roms, Orte, von denen er nie geglaubt hat, dass sie existieren. Plötzlich und ganz durch Zufall entdeckt er jedoch illegale Kunstgeschäfte, die über die von ihm verwaltete Sammlung abgewickelt werden. Die Spur führt ihn in die höchsten Kreise der römischen Gesellschaft.
Stefano Jorio, geboren 1971, lebt in Berlin und arbeitet im Italienischen Kulturinstitut.